• 02 MAI 15
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    Wurzelspitzenresektion:

    Muss das sein?

    Wenn nach einer Wurzelkanalbehandlung noch Schmerzen bestehen, oder wieder kommen, dann wird häufig eine Wurzelspitzenresektion (WSR) empfohlen bzw. durchgeführt, sofern der Zahn nicht sogar ganz entfernt werden soll. Dazu wird dann häufig zu einem Chirurgen überwiesen, der diese Behandlung dann durchführen soll. Leider haben Wurzelspitzenresektionen statistisch über das ganze Land gesehen eine sehr schlechte Erfolgsprognose. Hinzu kommt noch, dass eine solche Behandlung des öfteren mit mehr oder weniger großen Unannehmlichkeiten, wie Schmerzen und Schwellungen, verbunden sind.

    Eine entscheidende Frage ist, weshalb solche Behandlungen statistisch so schlecht abschneiden. Aus wissenschaftlicher Sicht ist diese Frage bereits klar beantwortet. Die Ursache für Mißerfoge in der Endodontie, und dazu gehören die Wurzelspitzenresektionen, ist eine bakterielle Besiedelung des Wurzelkanalsystems. Das Wurzelkanalsystem ist ein Hohlraumsystem in dem sich beim gesunden Zahn das Zahnmark (Zahnnerv) befindet. Durch Karies oder infolge eines Traumas kann das Zahnmark infiziert werden, so dass es zu Entzündungen kommen kann. Die Infektion kann, insbesondere wenn das Zahnmark abgestorben ist, so weit voranschreiten, dass die Entzündung auch auf den umliegenden Knochen übergreift. Die kann sich dann durch Schmerzen bei Berührung des Zahnes bemerkbar machen. Auf dem Röntgenbild sieht man häufig an der Wurzelspitze einen dunklen Bereich, der häufig fälschlicher Weise als Zyste bezeichnet wird. Dieser dunkle Bereich ist in der Regel eine Reaktion des Körpers auf die Bakterien und deren Toxine, die aus dem erkrankten Zahn heraustreten. Hier arbeitet das Immunsystem indem es aktiv den Knochen abbaut, um gut durchblutetes „Entzündungsgewebe“ bereit zu stellen, damit die Bakterien bekämpft werden können. Dies ist ein ganz wichtiger Prozess, da ansonsten die Bakterien und deren Toxine den Körper unbehindert überschwemmen könnten. Entscheidend für die Therapieentscheidung ist aber das Wissen darum, dass nach einer Beseitigung der Ursache, also der Bakterien, dieses „Entzündungsgewebe“ wieder zurück zu Knochen umgewandelt werden kann. Die Beseitigung der Bakterien kann das Immunsystem alleine nicht leisten, auch können Medikamente, wie Antibiotika dieses nicht leisten, da sie nicht in das Wurzelkanalsystem eindringen können. Es ist also notwendig, die Bakterien und deren Toxine durch eine Wurzelkanalbehandlung so weit zu eliminieren, dass von ihnen keine Gefahr mehr ausgehen kann.

    Wenn es uns gelingt, die Bakterien ausreichend zu eliminieren, dann heilt die Entzündung auch in der Regel vollständig aus. Warum also werden so häufig Wurzelspitzenresektionen durchgeführt? Das scheint mehrere Gründe zu haben:

    Zum einen wird eine röntgenologisch sichtbarer dunkler Bereich unkorrekter Weise häufig als Zyste bezeichnet, was dazu führt, dass eine solche Situation operativ angegangen wird. Denn eine Zyste, sofern sie wirklich eine ist, kann nicht ausheilen, diese müsste tatsächlich operativ entfernt werden. Jedoch liegt eine echte Zyste nur in den allerseltensten Fällen tatsächlich vor.

    Ein weiterer Grund ist die Tatsache, dass im Bereich der Wurzelpitze, d.h. auf den letzen 3 Millimetern ca. 70% der möglichen Verzweigungen das Wurzelkanalsystems liegen. Dies lässt es vordergründig als notwendig erscheinen, die Wurzelspitze zu entfernen, weil man es nicht schafft, diese Verzweigungen von den Bakterien zu befreien. Bei genauerer Betrachtung allerdings gilt dies nur für die wenigsten Zähne. Auf der einen Seite ist es heute mit modernsten Methoden sehr häufig möglich, auch verzweigte Kanalsysteme ausreichend zu behandeln, so dass von ihnen kein Entzündungsreiz mehr ausgeht. Auf der anderen Seite sind solche möglichen Verzweigungen an der Wurzelspitze gar nicht die Hauptursache eines Misserfolges einer Wurzelkanalbehandlung, sondern vielmehr sind es häufig Bakterien und Reste des abgestorbenen Zahnmarks, die in übersehenen Hauptkanälen oder in Ausbuchtungen von unvollständig behandelten Kanälen verbleiben sind. Diese werden bei einer Wurzelspitzenresektion gar nicht entfernt und können daher auch weiterhin zu Beschwerden führen. Ein weiterer Grund ist häufig, dass durch eine undichte Füllung oder Krone über Jahre hinweg wieder Bakterien und das gesamte Kanalsystem eingedrungen sind, die natürlich auch bei einer Resektion nicht wieder entfernt werden können.

    Eine Lösung des Problems ist also, die Ursache aufzudecken und alle Problemzonen korrekt zu behandeln. Die Wurzelspitze ist nicht immer das Problem, an ihr wird es nur häufig sichtbar. Wenn also alle infizierten Wurzelkanalbereiche gereinigt und desinfiziert werden müssen, dann sollte in erster Linie eine hoch qualifizierte Wurzelkanalbehandlung unter einem  Operationsmikroskop durchgeführt werden.

    In einigen wenigen Fällen ist aber tatsächlich eine Wurzelspitzenresektion indiziert. Diese sollte in der Regel auch unter dem Operationsmikroskop durchgeführt werden, damit auch hier alle Problemzonen behandelt werden können. Insbesondere sollte dann in der Regel eine sogenannte retrograde Aufbereitung und Füllung durchgeführt werden, was in der überwiegenden Mehrzahl der bundesweit durchgeführten Wurzelspitzenresektionen bedauerlicher Weise anscheinend nicht geschieht.

    Last but not least: Eine hoch qualifizierte Wurzelkanalbehandlung mit allen technischen Möglichkeiten wird durch die gesetzlichen Krankenkassen nicht finanziert. Dies gilt teilweise auch für private Kostenerstatter. Und eine Überweisungskultur zu einem Spezialisten, der über große Erfahrung mit dem Operationsmikroskop verfügt, ist in unserem Gesundheitssystem noch viel zu wenig etabliert. Daher bleibt dem Patienten häufig nur, sich selber zu informieren und in Eigenverantwortung zu entscheiden.

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